Finanzcoaching: Abzocke im Gruppen-Format

Finanzcoaching liegt im Trend. Viele Finanzblogger und Finanzbloggerinnen bauen sich erst Reichweite auf, um im Anschluss ihre Dienste als Finanzcoach anzubieten zu - wie ich finde - teils abstrusen Preisen.

 

Besonders seltsam finde ich, wenn sich potenzielle Kunden und Kundinnen auf Finanzcoachings bzw. Finanzmentorings in der Gruppe "bewerben" sollen - und bei manchen dieser Bewerbungen zunächst persönliche Daten erfragt werden - bevor man überhaupt Details wie Preise und Inhalt des Finanzcoachings erfährt.

Bewerben? Dafür, dass ich einen vierstelligen Betrag ausgeben "darf"? Ich weiß natürlich auch, dass dahinter der Marketing-Trick steht, ein Finanzcoaching so aussehen zu lassen als sei es heiß begehrt und die Plätze für das Finanzcoaching knapp.

 

Ich und übrigens einige meiner Kundinnen und Kunden haben das durchschaut, aber offenbar fallen immer noch genügend Menschen auf diesen Trick hinein.

 

Es ist wohl eine Typ-Frage: Ich würde mich als Kunde nie auf irgendeine Dienstleistung bewerben, für die ich bezahlen soll. Ganz im Gegenteil: Diese banale Verkaufs-Psychologie erzeugt hoffentlich nicht nur bei mir eine Abwehrreaktion.

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Geht Finanzcoaching für Frauen nur von Frauen? Honorarberater können genauso Frauen beraten, wie Honorarberaterinnen Männer. Hier ist Dr. Michael Ritzau in der ARD-Doku "Keine Zinsen, miese Rente" ab Minute 32 zu sehen - bei der Beratung einer Frau.

Finanzcoaching: Die meisten arbeiten ohne Zulassung

Vorab: Als unabhängiger Honorarberater in Sachen Altersvorsorge und Geldanlage mit Zulassung gemäß § 34 h Gewerbeordnung samt allen Pflichten bin ich naturgemäß in der Bewertung von Finanzcoaching-Angeboten nicht unabhängig. Ich sehe sie äußerst kritisch. Das hat aber auch handfeste Gründe:

 

Finanzcoach ist eine ungeschützte Berufsbezeichnung. Jeder und jede kann sich so nennen (das gilt übrigens auch für Finanzberater, Vermögensberater etc., aber das ist ein anderes Thema).

 

Es gibt auch Finanzproduktverkäufer mit Zulassungen nach § 34 d und § 34 f Gewerbeordnung, die nicht nur Provisionen durch den Verkauf von gebührenträchtigen Finanzprodukten wie Mischfonds, überteuerte und riskante Anlagezertifikate, aktiv gemanagten Fonds und teuren Rentenversicherungen kassieren, sondern als zusätzliche Einnahmequelle auch Finanzcoaching anbieten.

 

Zahlreiche, ich würde sogar schätzen die Mehrheit aller Finanzcoachs, arbeitet jedoch ohne Zulassung.

 

Dagegen muss ich als Honorar-Finanzanlagenberater viele Voraussetzungen erfüllen und Vorschriften einhalten, die letztlich dem Schutz des Kunden dienen:

 

  • Als Honorar-Finanzanlagenberater habe ich eine Prüfung zum Finanzanlagenfachmann bei der IHK Berlin abgelegt. Nicht so schwierig wie eine Promotion in Chemie, aber die Durchfallquote bei meiner Prüfung lag bei über 50 Prozent

 

  • Alle (Honorar)-Finanzanlagenberater müssen eine Vermögensschadenshaftpflichtversicherung  abschließen. Nicht, dass ich sie je brauchen würde, aber im Prinzip ist das eine zusätzliche Sicherheit für Beratungskunden.

 

  • Ich muss bei meiner Finanzberatung strenge Befragungs- und Dokumentationspflichten erfüllen. Dazu gehören eine ausführliche "Geeignetheitserklärung" nach der erfolgten Finanzberatung. In der Geeignetheitserklärung  muss ich detailliert begründen, warum meine Anlageempfehlungen für den jeweiligen Anleger oder die jeweilige Anlegerin passen.

 

  • Ich unterliege als Honorarberater mit 34-h-Zulassung einem strengen Provisionsverbot. Ich darf als Honorar-Finanzanlagenberater weder Provisionen noch Affiliate-Vergütungen etc. für von mir empfohlene Finanzprodukte oder Online-Broker annehmen

 

  • Jede Finanzberatung durch mich ist eine individuelle Einzelberatung, in der ich auf die persönlichen finanziellen Verhältnisse und Bedürfnisse meines Kunden bzw. meiner Kundin eingehe. Und ich begleite meine Kunden auch, falls gewünscht,  ganz konkret bei der Umsetzung meiner Empfehlungen.
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Wie geht ETF kaufen beim Online-Broker? Auch eine live 1:1-Umsetzungs-Unterstützung gehört zu meinem Service als Honorar-Finanzanlagenberater

Finanzcoaching ist oft teurer als Honorarberatung, bietet aber weniger

Äußerst fragwürdig finde ich überteuerte Gruppen-Finanzcoachings von Menschen ohne Zulassung und Qualifikation, die weniger als eine seriöse Einzel-Finanzberatung bieten, aber mehr kosten. Warum?

 

1. Ganz gleich ob Gruppe oder Einzel-Finanzcoaching: Finanzcoachs ohne Qualifikation und Zulassung dürfen gar keine individuelle Anlageberatung anbieten - man findet diesen Hinweis manchmal nur versteckt in deren Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGBs) oder im Impressum.

 

2. Gerne findet sich der Hinweis "keine Anlageberatung" auch auf gesponserten Instagram-Posts, wenn beispielsweise der "ETF der Woche" oder ähnliches präsentiert wird.

 

3. Finanzcoachs nutzen die Reichweite ihrer Social-Media-Kanäle und Finanzblogs um Affiliate-Deals mit Online-Brokern oder ähnlichem abzuschließen und empfehlen diese entsprechend. Auch hier nehmen viele Finanzbloggerinnen und Finanzblogger das Geld gerne mit. Unabhängigkeit sieht für mich anders aus

 

4. Finanzcoachs, die ihre Dienste nur in der Gruppe anbieten, präsentieren ihr Gruppen-Finanzcoaching häufig als Problemlösung für die Altersvorsorge, aber: Ein Gruppen-Finanzcoaching kann gar nicht ausreichend auf die individuelle Situation jedes Teilnehmers eingehen. 

 

5. Gerade Finanzcoachings, die sich ausschließlich an Frauen richten, arbeiten mit emotionaler Ansprache, erzeugen dabei aber auch gerne plakativ Ängste z.B. wegen niedriger Ansprüche in der gesetzlichen Rentenversicherung.

 

Sie stilisieren dabei ihr überteuertes Finanzcoaching gleichzeitig als Beitrag zum Female Empowerment. Moralisch halte ich diese Verknüpfung von eigenem Verkaufsinteresse teurer Finanzcoachings mit hehren gesellschaftlichen Zielen für äußerst fragwürdig und eine ziemliche Überhöhung der eigenen Bedeutung.

 

Eigentlich ist diese billige Nummer leicht durchschaubar....aber dann offenbar doch nicht für jede.

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Nicht nur die Geldanlage, sondern auch die Entnahmeplanung gehört zum Know-how eines kompetenten Honorar-Finanzanlagenberaters

Warum sehen Finanzcoachings so aus wie sie aussehen?

Nun, die Antworten darauf  sind relativ einfach:

 

  • Positive Skaleneffekte: Wenn an einem Finanzcoaching 10, 20 oder 30 Leute teilnehmen und pro Teilnehmer, sagen wir, 1500 Euro fällig werden, dann entsteht ein Skaleneffekt: Der Finanzcoach macht dann mit einem Durchlauf 15000, 30000 bzw. 45000 Euro Umsatz. Bei den richtig teuren Finanzcoachings, die es ja durchaus geben soll, vermag sich das jeder selbst ausrechnen. Zum Vergleich: Ich kann als Honorar-Finanzanlagenberater immer nur eine Person beraten und rechne mein Arbeitsaufwand mit einem fairen Stundensatz ab.

 

  • Große Bestandteile dieser Finanzcoachings sind einmalig produzierte Online-Videos und Facebook-Gruppen. Hier fällt - nach einmaligem Aufsetzen - praktisch kein Aufwand für den Finanzcoach an. Außer natürlich dem ständigen Bespielen auf den Social-Media-Kanälen.

 

  • Keine Zulassung: Die Strategie der selbst ernannten Finanzexperten und Finanzexpertinnen funktioniert so, dass sie ihr Finanzcoaching risikolos gestalten - risikolos in dem Sinne, dass die Finanzcoachs selbst für die Inhalte ihres Finanzcoachings nicht haften.

 

  • Wer als Finanzcoach arbeitet, erspart sich also viel Zeit und Geld, weil er keine Prüfung ablegen muss, weniger lästigen Schreibkam hat und auch kein Vermögensschadenshaftpflicht bezahlen muss.

Wann kann ein Finanzcoaching sinnvoll sein?

Für Menschen, die Schwierigkeiten mit dem Haushalten haben, können Finanzcoachings zu Themen wie

 

  • Haushaltsbudget einhalten mit Haushaltsbuch oder Finanz-App
  • Vermittlung von Basis-Wissen in Sachen Finanzen, etwa die Unterschied zwischen Girokonto, Tagesgeld, Festgeld und Onlinebroker
  • Spar-Strategien für den eigenen Notgroschen

 

sinnvoll sein. Solche Finanzcoachings, die im Grunde eher Seminar- bzw. Fortbildungs-Charakter haben, können in Gruppen stattfinden, denn hier geht es eher um die Steuerung des eigenen Konsumverhaltens und Erfahrungsaustausch - weniger um komplexe und individuelle Fragen der langfristigen Altersvorsorge und Geldanlage.

Finanzcoaching als Weg zur finanziellen Freiheit?

Ich würde sagen: Der erste Schritt in die finanzielle Freiheit ist es überteuerte Finanzcoaching-Angebote zu erkennen - und davon die Finger zu lassen.

 

An alle Finanzcoachs da draußen rufe ich: Holt euch eine Zulassung und steht für eure Finanzberatung ein! Wir brauchen mehr Honorar-Finanzanlagenberater und selbstverständlich auch Honorar-Finanzanlagenberaterinnen, die echte, unabhängige Finanzberatung bieten. Derzeit gibt es deutschlandweit nur 256 (!), tatsächlich wäre es interessant zu wissen: Wie viele Frauen sind darunter?

 

Was wir nicht brauchen: (Frauen-) Finanzcoachings, die das Unwissen ihrer Zielgruppe ausnutzen und diese finanziell mit absurden Kosten von mittleren vierstelligen Eurobeträgen schröpfen. Genau darüber habe ich übrigens einen satirischen Beitrag zum 1. April 2022 über eine von mir angeblich gegründete Männer-Finanzberatung geschrieben.

 

Übrigens sind etwas mehr als die Hälfte meiner Kundschaft Frauen. Tatsächlich habe ich schon einige Frauen beraten, die Frauen-Finanzcoachings absolviert haben, bzw. überteuerte Angebote erkannt und verworfen haben.

 

Gute Einsteiger-Informationen zum Thema Geldanlage und Altersvorsorge gibt es aber wesentlich günstiger, z.B. im Buch "Souverän investieren für Einsteiger" von Gerd Kommer oder im Blog von Prof. Hartmut Walz

 

Um von mir beraten zu werden, benötigen Sie übrigens keinerlei Vorkenntnisse. Wenn Sie wissen, was ein Onlinebroker oder ein ETF ist, freue ich mich. Falls nicht, ist das aber auch kein Problem.

 

Falls Sie sich für echte Honorarberatung interessieren, beschreibe ich hier den Ablauf meiner Honorarberatung.

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